Seltsames Zwitterwerk

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Von Alexander Dick
Mo, 19. November 2018
Klassik

Der Freiburger Kammerchor mit Leonard Bernsteins „Mass“.

Wahrscheinlich ist es besser, wenn man Amerikaner ist. Wahrscheinlich hat man auch weniger Schwierigkeiten mit dem Stück, wenn man es als normal empfindet, einem Gottesdienst wie einem Theaterstück beizuwohnen: als Publikum – nicht Teilnehmer. Für die anderen wird Leonard Bernsteins „Mass“ ein seltsames Zwitterwerk bleiben in einer, wie es der New-York-Times -Kritiker Harold Schonberg anlässlich der Washingtoner Uraufführung 1971 schrieb, „Melange von Stilen, kurzen, schicken, sentimentalen (…) Kombinationen von Oberflächlichkeiten und Überheblichkeit“.

Die Aufführung von Lukas Grimm und dem Freiburger Kammerchor an zwei Abenden in der voll besetzten Christuskirche ändert nichts an diesem Eindruck – so lobenswert das Engagement auch ist. Denn wenn dieses „Theatre Piece for Singers, Players and Dancers“ wirklich überzeugen kann, dann wohl nur in einer hochprofessionellen Broadway-Performance. Grimms szenischer Entwurf arbeitet mit den vorhandenen räumlichen und personellen Möglichkeiten und man spürt die Empathie der Mitwirkenden. Aber mit mangelndem guten Willen ließe sich das Ergebnis auch als unfreiwillige Parodie eines Gottesdienstes begreifen. Inszenieren ist ebenso ein Handwerk wie Dirigieren.

Da ist Lukas Grimm zu Hause. Die musikalische Koordination über die weiten Räume zwischen Orchester, Chor und Orgel funktioniert achtbar, obwohl rhythmische Differenzen nicht ausbleiben. Grimm hat sich aus naheliegenden Gründen für die kompaktere Orchesterfassung Sid Ramins entschieden. Auch dem Chor weist er dramaturgische Aufgaben zu – die Liturgie und den so genannten „Street Chorus“. Überdies kommen die Solisten aus den Reihen des Chors. Damit distanziert sich die Interpretation klar von professionellen Theater- oder Konzert-Maßstäben und imitiert Laien- und Gemeindegesang. Einmal, leider nur einmal wird der Dirigent selbst zum Gesangssolisten: Die Rock-Singer-Szene ist ein Höhepunkt der Aufführung. Der andere Vokalprofi fällt dagegen ab: Neal Banerjees stimmliche Disposition ist inkonstant, was auch für seine darstellerische Leistung gilt.

Der Kammerchor ist um Homogenität in den einzelnen Stimmen bemüht, aber man spürt die Repertoireferne des Stücks – ob bei manchen Einsätzen, in der Intonation oder in der Artikulation. Wer Bernsteins Musik kennt, wird seinen Spaß darin haben, die Ähnlichkeiten zu „West Side Story“ oder den „Chichester Psalms“ zu erlauschen. Eine interessante Erfahrung, immerhin.