Presse: Händel „Saul“ Juni 2023

veröffentlicht in gedruckter Form

am Mi, 18. Dezember 2019

Von Alexander Dick

Der selbstgefällige David

 Der Freiburger Kammerchor interpretierte Händels Oratorium „Saul“. Das Besondere: Die Aufführung war szenisch.

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu: Als einfacher Hirtenknabe hatte David den Riesen Goliath bezwungen. Nun, am Ende von Georg Friedrich Händels Oratorium „Saul“, ist David der König, Waffen und Krieg sind jetzt sein Gewerk. In seiner schlüssigen, aufs Wesentliche konzentrierten Inszenierung zeigte Lukas Grimm einen David, der sich selbstgefällig auf dem Thron fläzt. Nur Gattin Michal erinnert an die Anfänge: Das T-Shirt der David-Fans – Steinschleuder und Motto „virtue“ (Tugend) sind da aufgedruckt – trägt Michal entsetzt durch den Mittelgang der Kirche. Grimm, der Leiter des Freiburger Kammerchores und Dirigent der Aufführung, nutzte bei den szenischen Aktionen klug den weiten Altar- und Chorraum der Freiburger Dreifaltigkeitskirche.

Auch Pantomimisches visualisierte die Ereignisse; einzelne Requisiten setzten Akzente. Wie der große Plastikball, eigentlich der Kopf Goliaths: Er bildet das Auge Gottes aus dem signifikanten Fresko an der Chorwand dieser Kirche ab. Oder Fahnen, zunächst mit den löblichen Worten „Safety, Peace, Liberty“, später dann „Impotence of Malice“ (Ohnmacht der Bosheit). Plastisch bei den rhythmischen Konturen, leicht bei den tänzerischen Episoden und, selbst wo es militärisch wurde, nie auftrumpfend agierten die Alte-Musik-Spezialisten des Freiburger Kammerorchesters.

Teil des leicht gekürzten Geschehens an Sauls Hof war der Freiburger Kammerchor, mit warmem Sopranleuchten beim repräsentativen Jubel und prägnant bei den kommentierenden Aufgaben. Karsten Müllers Saul blieb auch bei rasender Wut stets königlicher Gentleman (wir besuchten die erste der beiden Aufführungen). Tobias Knaus, gebürtiger Freiburger und ehemaliger Domsingknabe, stellte mit ausdrucksstarkem Countertenor Davids Entwicklung vom Neuling bis zum selbstverliebten König überzeugend dar. Mit lyrischem Ebenmaß bot die Sopranistin Alice Fuder eine standesbewusste Merab, die den Platz an König Davids Seite für sich reklamierte.

Eine empathische Michal war Xenia Preisenberger mit Sopran-Natürlichkeit und der Tenor Robert Reichinek als Königssohn Jonathan die personifizierte Sanftmut. Die Nebenerzählung von Davids Liebe zu Jonathan hielt Regisseur Grimm bis zum Schluss präsent. Ein beeindruckendes Projekt.

Ressort: Klassik

  • Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der BZ vom Di, 27. Juni 2023: