In schwebenden Höhen

Link zur BZ 19. Dezember 2016 Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.von: Reiner Kobe
„Christmas is coming“ beim Freiburger Kammerchor.

Während sich der Freiburger Kammerchor gemäßigten Schrittes durch die Reihen der ausverkauften Maria-Magadalena-Kirche im Freiburger Stadtteil Rieselfeld Richtung Bühne bewegt, wird sein glitzerndes „Veni, veni Immanuel“ von Kontrabass und Klavier vorn aufgenommen. Swingend leitet das Duo dann zu „Christmas is coming“ über, das das Motto des Abends unterstreicht. „Christmas Jazz“ ist das Programm, das der Freiburger Kammerchor, der nächstes Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feiert, in einen adventlichen Kontext stellt – wie schon vor drei Jahren.
Wieder wird er von Lukas Grimm gestaltet, seit dreieinhalb Jahren Leiter des Chors. Der Finalist des zweiten Deutschen Chordirigentenpreises hat eine Reihe weihnachtlicher Lieder aus Europa und Amerika neu arrangiert und zu einem aussagefähigen Programm zusammengestellt. Selbst vor TV-Programmen und Musicals schreckte Grimm nicht zurück. Selbstredend wird auch ein Spiritual zitiert. Bei „Run, shepards!“ bringt der Pianist Johannes Mössinger den Chor auf die Spur. Die Aufforderung an die Hirten, sich schnellstmöglich zur Krippe zu begeben, wird von den Sängerinnen und Sängern sinnfällig stimmlich umgesetzt.
Ein wahrer Spielrausch
„Three more jazz carols“ des Briten Will Todd und drei bekannte Weihnachtslieder, darunter das unvermeidliche „Jingle bells“, von Jay Rouse verarbeitet, interpretiert der Chor ebenfalls glatt. Vom gestrichenen singenden Bass Thomas Lähns’ begleitet, begibt sich das Ensemble in schwebende Höhen wortloser Silben jazziger Scats. Während sich das Jazz-Duo immer wieder in das musikalische Geschehen mischt und begleitend Akzente zu setzen vermag, steht es mit seinen drei Zwischenspielen völlig für sich.
Faszinierend, wie die beiden Jazzer in ihren Improvisationen stets zu neuen Motivketten finden, bis sie schließlich bei Mössingers Klassiker „Joana’s Dance“ landen, der einen wahren Spielrausch erzeugt. Sichtlich inspiriert erheben sich die 20 Damen und 13 Herren des Kammerchors wieder, um Grimms finales Arrangement zu Besten zu geben. In das Thema „Die Nacht ist schon am Schwinden“, hat der arrangierende Leiter, wie er im Programmheft mitteilt, „bewusst deutsche Adventslieder mit ihrer Vielschichtigkeit integriert“. Strophen von „Macht hoch die Tür“ kommen ebenso vor wie „Es ist ein Ros’ entsprungen“, das das „Sanctus e Benedictus“ beschließt.
Lukas Grimm hat seine Truppe allzeit fest im Griff: mit wallendem Haar und präzisen Armbewegungen lenkt der 30-Jährige den Kammerchor souverän durch die Klippen stimmlicher Feinheiten des kollektiven Gesangs. Dieser gipfelt im Kyrie, das vom hingerissenen Publikum im sakralen Betonbau mit überwältigendem Applaus beantwortet wird.