… wenn es Winter ist

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Di, 11. Oktober 2016

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Nikola Mirkovic

Der Freiburger Kammerchor in der Martinskirche.

Ein ganzes Jahrtausend, vom elften bis zum 21. Jahrhundert, umspannte das Programm. Zudem wurden beim gemeinsamen Konzert des Freiburger Kammerchores und des Duos Enßle-Lamprecht gleich drei Uraufführungen zeitgenössischer Kompositionen geboten. Eine beachtliche Leistung!

Das Konzertprogramm war allerdings entschieden zu lang und musikalisch zu heterogen. Hinzu kommt, dass die Temperatur in der Martinskirche grenzwertig niedrig war. Man sollte sich im Hinblick aufs Wohlergehen von Mitwirkenden und Publikum überlegen, ob sich ein Heizkostenzuschlag für die Raummiete auf die Eintrittspreise umlegen lässt. Andererseits konnte man sich unter diesen Umständen bei Herbert Grassls „. . . wenn es Winter ist“ schnell einfühlen. Die uraufgeführte Komposition für Chor, Blockflöten und Schlagzeug vertont Hölderlins berühmtes Gedicht „Hälfte des Lebens“: „Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.“ So ist der Winter, in der Tat!

Wärmer, zumindest ums Herz, wurde einem bei der Auswahl aus den „Drei Gesängen“ op. 42 und den Fünf Gesängen op. 104 von Johannes Brahms. Hier konnte Chorleiter Lukas Grimm zeigen, wie viel stimmliche Qualität in seinem Ensemble steckt: Der Bass war satt, der Tenor geschmeidig, der Alt samtig, der Sopran glänzend. Bei der Auswahl aus Hans Kösslers Neun Gesängen für gemischten Chor machte sich hingegen, besonders bei den Einsätzen in hohen Lagen, die durchgängige Intonationsschwäche im Sopran unangenehm bemerkbar.

Das Duo Anne-Suse Enßle (Blockflöte) und Philipp Lamprecht (Schlagzeug) war indes so virtuos wie ausdrucksstark. Besonders eindrücklich gelangen das spätmittelalterliche „Chominciamento di Gioia“ sowie die Uraufführung der „Aschelieder (2016)“ von Frank Zabel. Zabel hat ein Werk geschaffen, in dem sich das musikalische Material Stück für Stück selbst aufhebt und verschwindet. Leichter zugänglich, aber nicht weniger anspruchsvoll, war der uraufgeführte „Introitus“ des Freiburger Komponisten Sven Hinz. Hinz vertont den Text des „Gloria Patri“ zu einem performativen Stück, bei dem sich der Chor in drei Gruppen aufteilt, die parallel in den Kirchenraum einziehen. Die Zahl drei spiegelt sich auf in der Struktur der Komposition. Es ist eine faszinierende Meditation auf den Text. Die Uraufführung macht neugierig auf das, was von Sven Hinz künftig zu hören sein wird.