Herzwunden – Juni 2010

BZ_LogoVon Liebe und Wahnsinn
(veröffentlicht am Mi, 23. Juni 2010 auf badische-zeitung.de)

Der Freiburger Kammerchor in der Maria-Magdalena-Kirche.

Mit „Herzwunden“ war das Konzert des Freiburger Kammerchors überschrieben: Mit dem Anspruch, eine Geschichte von unglücklicher Liebe zu erzählen, wirkten die überwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammenden Chorkompositionen und – bearbeitungen zusammen. Da die Dramaturgie – von Sehnsucht zum Wahnsinn – überzeugte und die Liedtexte für sich sprachen, hätte es die Erläuterungen von Chorleiter Morten Schuldt-Jensen, je nach einem Drittel des anderthalbstündigen Konzerts eingestreut, nicht zwingend gebraucht.

Auch war es weniger eine runde, plastische Geschichte als vielmehr ein Erzählfaden, der, bei aller durch die Lieder vermittelten Emotionalität, notgedrungen abstrakt blieb – denn die Hauptperson, die sich als ein Ich jeweils in den Liedern manifestiert, blieb unsichtbar, und konstruiert mutete es an, als Johannes Brahms mit diesem „chorischen Ich“ zu verschmelzen schien. Seine „Waldesnacht“ trug der Chor mit vorbildlicher Agogik und schön abgesetzten Formgrenzen vor, „All meine Herzgedanken“ mit feinsten dynamischen Abstufungen, emotional an- und abschwellend. Nur in den Brahms-Liedern war es um die Balance des eigentlich homogen gerundeten Klangkörpers nicht so vortrefflich bestellt wie sonst. Schönes Beispiel: Mendelssohns den A-cappella-Abend beschließendes „Denn er hat seinen Engeln“.

Ein geerdeter Hochzeitsmarsch

Zu Beginn hatte Schuldt-Jensen in das noch idyllische Setting eingeführt, quasi- szenisch wurde Anders Öhrwalls „Fäbodpsalm“ dem Publikum dargeboten: auf der einen Empore der Maria-Magdalena-Kirche Juliane Heutjer mit Blockflöte, auf der gegenüberliegenden Seite des ökumenisch genutzten Sakralbaus die Solistin Sonja Bühler, deren warmer Sopran sich im trockenen Raumklang ausdrucksvoll zu entfalten wusste. Die sphärischen Vokalisen, die einfachen harmonischen Wechsel – das war nah am Kitsch. Geerdeter kam der schwedische Hochzeitsmarsch daher, als beschwingte Folklore, konzise musiziert: von Julien Laffaire mit Klarinette und der Flötistin, und zum Kontrabass-Pizzicato Max Koppmanns erklangen die weit ausschwingenden Gesangslinien des Chors.

Einen Höhepunkt markierte die virtuose Eigenkomposition des dänischen Dirigenten, „Gick jag mig ut till at spatsera“, die mit harten Kontrasten einen vokalen Wirbelsturm entfachte. Zuvor hatte, einleitend, der aus dem Chor stammende Reinhard Danner souverän eine alte, blutige Geschichte von einer in Wahnsinn mündenden Liebe vorgelesen. Die vielen Zuhörer wurden allerdings friedvoll verabschiedet: Der Chor sang als Zugabe eine Strophe von Edvard Griegs „Letztem Frühling“.