Schubert Messe es-Dur – Februar 2011


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(veröffentlicht am Di, 08. Februar 2011 auf badische-zeitung.de)
 
 

Die erlesene Messe

Nicht mal eine Stunde, und es ist vorbei. Im Sportjargon: irre Zeit! Franz Schuberts Es-Dur-Messe aus dem Todesjahr 1828 dauert erfahrungsgemäß allein um die 55
Minuten. In weniger als dieser Spanne bringt Morten Schuldt-Jensen auch noch das kurze „Stabat Mater in g“ des 18-Jährigen unter. Doch man sollte den Abend des Freiburger Kammerchors nicht nur mit der Stoppuhr messen. Der interpretatorische Ertrag ist nämlich beträchtlich, auch wo Einspruch denkbar ist. Man hatte es in der Martinskirche (und tags zuvor in Ihringen) mit einer außerordentlich flüssigen, indes auch sehr ausdrucksbewussten Darstellung zu tun.

Das ausgeglichen besetzte Ensemble erreicht eine betont geschmeidige Lesart bei hoch entwickelter Textausdeutung, überlegen abschattiert und immer wieder ins Piano
zurückgenommen, in die Bezirke der Zwischentöne, der kollektiven Nachdenklichkeit. Die „Miserere“-Zeilen etwa haben flehentliche Dringlichkeit – ein stark betonter Einschnitt, ein inständiger Bittgesang. Das Forte hat darum umso größere Überzeugungskraft. Schuberts immer wieder durchscheinender ganz persönlicher Schmerz brennt sich ein – nicht zuletzt auch durch die Schärfe, ja, die Schroffheit, zu der Schuldt-Jensen das auffallend präsente Kammerorchester anhält. Ein eminenter Bogen spannt sich über das Ganze – bis hin zum achtmaligen „Dona nobis pacem“-Anruf, dessen bebende Erregtheit die Aufführung spüren lässt. Ein großer Moment, wie sie ganz am Ende in Schuberts fatalistische Resignation zurücksinkt. Frieden?, scheint diese Musik zu fragen. Welcher? Und wo?

Also: keine Einwände? Doch, doch. Schon die seufzerreiche, angstdurchpulste Gedrängtheit des „Stabat Mater“ prägt die Neigung des Dirigenten, das – gewiss minuziös
ausgearbeitete – melodische Auf und Ab zu gewollt-manieriert zu betonen: ein Hang zur Überakzentuierung, der sich hier und da auch in der Messe bemerkbar macht. Die Messe – ein Kunst-Stück, eines des erlesenen Ästhetizismus. Und: Einen leicht diffusen Eindruck hinterlassen die Fugen. Ihr Verlauf gerät zu wenig verfolgbar.

Den Solisten bietet Schubert nur marginale Aufgaben. Alt und Bass (Angela Froemer und Jens Hamann) sind ohnehin nur Füllstimmen. Die tenoralen Chancen, die der im
Zwölfachteltakt betörende „Et incarnatus“-Kanon bietet, lassen Rüdiger Ballhorn und Reinhard Danner bei aller Stimmkultur verstreichen. Nicht so der lichte Sopran Dorothea Craxtons. Starker Applaus.