Christmas Jazz Dezember 2013 Riegel

 
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Mo, 14. Dezember 2015

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Susanne Ramm-Weber

Swingen statt Säuseln

Der Freiburger Kammerchor und zwei Jazzer geben in Riegel ein umjubeltes Weihnachtskonzert

Der Freiburger Kammerchor bewies in der Riegeler Kirche Vielseitigkeit. Foto: Christel Hülter-Hassler

RIEGEL. Ein besonderes Konzerterlebnis kann vorausgesetzt werden, wenn der Freiburger Kammerchor unter Leitung von Lukas Grimm auftritt. Bei der Premiere seines diesjährigen Weihnachts-Jazz-Programms am Sonntagabend im barocken Saalbau der Pfarrkirche St.Martin in Riegel setzten Jazzpianist Johannes Mössinger und Andreas Buchholz am Kontrabass die Gesangsdarbietungen wirkungsvoll in Szene.

Die säuselnden Weihnachtsklassiker müssten warten – so kündigte Pfarrer Ekkehard Baumgartner den ersten gemeinsamen Auftritt der renommierten Freiburger Jazzmusiker Johannes Mössinger und Andreas Buchholz mit dem Kammerchor in der voll besetzten Pfarrkirche an. Stattdessen, sagte er, winke der Genuss einer guten Portion swingender Vorfreude.

Das Konzert war tatsächlich etwas anderes. So umschmeichelten verhaltene Töne die Ohren der Zuhörer bereits, als noch kein einziger Sänger zu sehen war. Aus den Seitengängen heraus formierte sich ein vielstimmiges, zartes „Veni, veni Emmanuel“, bis sich die große Sängerschar im Chorraum verortete. „Christmas is coming!“ – in dieser Frohbotschaft von Joel Raney nahm der Chor dann ganz und gar die wartende, geheimnisvolle Stimmung der Adventszeit auf. Auch die A- cappella-Komposition der im letzten Dezember verstorbenen Jazzlegende Dave Brubeck „Precious gift, his wondrous birth“ schien dem Chor auf den Leib geschneidert: In dieser Darbietung vermittelten die Sängerinnen und Sänger den Facettenreichtum ihrer stimmlicher Gestaltungskraft – von zarten, wispernden Andeutungen bis zum Schluss im euphorischen Aufschwung in himmlische Höhen.

Es waren Johannes Mössinger und Andreas Buchholz, die mit eigenen Kompositionen erfrischend respektlos hereinplatzten in die sich ausbreitende wohlig erhabene Stimmung. Mit ihren Instrumentals kam Bewegung in die Kirchenbänke: Füße wippten und Finger tanzten und vergnügte Mienen wechselten zwischen Chorensemble und Konzertbesuchern.

Dann wieder gab Chorleiter Lukas Grimm die Richtung an. Seine Bearbeitung des Kirchenliedes „Es kommt ein Schiff gefahren…“ klang wunderbar leicht, ohne Betulichkeit und Pathos . Eine schöne, alte Weihnachtslegende war die Vorlage für „The Oxen“ aus der Feder des Engländers Jonathan Rathbone. Thomas Hardy ist die überlieferte Geschichte zu verdanken; der Chor gab sehr einfühlsam und exakt die kindliche Neugier über das Rätsel wieder, ob auch heutzutage noch in der Christnacht die Ochsen nieder knien.

Die alles überstrahlende Wirkung von Mössingers wilden, kraftvollen Improvisationen am Piano standen in Riegel im spannenden Wechselspiel zu den sehr präzis und homogen dargebotenen Chorwerken. Zwischen „Kyrie“ und „Agnus dei“ aus der „Little Jazz Mass“ von Bob Chilcott klinkten sich wieder die beiden Instrumentalisten ein: Mössinger als Meister am Piano und Buchholz in seiner wunderbar unaufdringliche Modulation der Klänge am Kontrabass.

Zum Schluss war es ein von Lukas Grimm selbst arrangiertes Lied, das die Zuhörer staunen ließ und ihnen die Frohbotschaft zum Greifen nahe brachte: Eine Fantasie von „Oh Heiland reiß die Himmel auf…“ , in der die Zuhörer erlebten konnten, wie Sängerinnen und Sänger mit ihren Stimmen tatsächlich die Himmel aufrissen, spürbar den Tau herab gossen und aus der Erde zu springen schienen, damit sie „herfür dies Blümlein bring…!“

Die Unmittelbarkeit, mit der sich dieses ehrwürdige Kirchenlied in der neuen Bearbeitung den Zuhörern erschloss, war mehr als ein bloßer Hörgenuss, es war ein Erlebnis mit allen Sinnen. Am Ende gab es langen, verdienten Applaus in der Pfarrkirche für ein außergewöhnlich charismatisch und kraftvoll dargebotenes Gesamtkunstwerk unter dem Titel „Christmas Jazz“.